Festrede auf der Freisprechung der Elektro-Innung im Kreis Pinneberg

Published27. Januar 2024

AuthorMartin Balasus

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Liebe Gesellinnen und Gesellen, verehrter Herr Schröder,

liebe Gäste der heutigen Freisprechung,

es gibt heute gleich zwei Anlässe, Ihnen, liebe Gesellinnen und Gesellen, zu gratulieren.

Zum einen haben Sie Ihre Ausbildung erfolgreich beendet – und zum anderen haben Sie einen Beruf gewählt, der hervorragende Zukunftsperspektiven besitzt. Die Gesellschaft braucht Sie alle als Fachkräfte in einem technischen Handwerk, dessen Bedeutung weiter zunehmen wird.

Aber erst einmal zu Ihrer persönlichen Leistung: Die herausfordernde Ausbildungszeit geht zu Ende, der anstrengende Prüfungsstress liegt hinter ihnen. Es ist Zeit zum Luftholen, Zeit zum Innehalten, Zeit sich zu freuen und den Moment zu genießen. Ihre Ausdauer – ihre Leistungsbereitschaft haben sich gelohnt! „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Diese uralte Wahrheit haben Sie durchlebt. –  Klingt etwas altmodisch … heute würde man wohl eher: Chillen ist in der Lehre eher weniger angesagt! Zu Beginn hauptsächlich zugucken und oft zwar unverzichtbare, aber vielleicht nicht besonders anspruchsvolle Aufgaben erledigen. Im weiteren Verlauf Berufsschule und Berichtshefte, Formeln büffeln, wie U = R x I oder wie lautete das Ohmsche Gesetz doch gleich? Später kamen dann solche Mysterien wie KNX hinzu.

Und immer waren auch soziale Kompetenzen gefordert. Denn ohne die, da wird man nix mit der Ausbildung: Früh aufstehen, Pünktlichkeit, Freundlichkeit gegenüber Kundinnen und Kunden (dabei: immer nett lächeln), Teamfähigkeit, die manchmal besonders belastet wurde, wenn die Kolleginnen und Kollegen oder man selbst mal einen schlechten Tag hatte.

Und irgendwie hätte man doch auch noch mehr Lohn bekommen müssen, oder?

Die alte Frage: Warum ist immer so viel Monat übrig am Ende des Geldes?

Sie können mit Recht mächtig stolz sein, diese Ausbildungsjahre erfolgreich absolviert zu haben. Sie haben nicht abgebrochen und sich in die Büsche geschlagen. Sie haben sich anspruchsvollere Aufgabengebiete gesucht als Pizza-Radler, Klimakleber oder Langzeitstudent.

Obwohl man die natürlich auch braucht –   die Pizza-Radler.

Sie alle werden mit Ihren Kompetenzen wichtige Beiträge zur positiven Entwicklung der Gesellschaft leisten. Damit machen Sie mir, Ihren Eltern und natürlich auch Ihren Kolleginnen und Kollegen und Chefinnen und Chefs Hoffnung. Hoffnung, dass obwohl Sie zwar vom Geburtsdatum her zur berühmt-berüchtigten „Generation Z“ gehören, vom Kopf her aber eine ganz andere Einstellung haben.

Generation Z – wissen Sie, was typisch für die Angehörigen sein soll?

Nachgesagt wird vielen Z-Vertreterinnen und Vertretern ja, dass es denen mehr auf ein gechilltes Leben ankommt als auf berufliche Entfaltung. Und wenn schon Beruf, dann am liebsten mit einer Work-Life-Balance, bei der die Waagschale sich sehr zur Seite „Life“, zu Fete und Vergnügen, Zerstreuung und möglichst langen Urlaubspausen neigt – kurz zur Vermeidung von Anstrengungen aller Art. Verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, „Fete“ und „Party“ ist natürlich super, gehört auch selbstverständlich zum Leben dazu – es kann aber nicht immer Party sein. Oder wie man in meiner Jugend sagte: Wer feiern kann, der kann auch arbeiten.

Ich glaube, das sagt man wohl heute immer noch so!

Bei allem Verständnis dafür, dass man nicht lebt, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu leben, sollte der Punkt „Life“ doch nicht übertrieben werden. Er darf meiner Ansicht nach nicht zu einer Flucht aus der Realität werden. Denn leider, leider leben wir nicht im Paradies oder im rosa Einhorn-Märchenland, sondern in einer Welt, in der doch ein gewisses Maß an Einsatzfreude erforderlich ist, um klarzukommen. Und diese Einsatzfreude zahlt sich auch aus. Ich meine das nicht nur finanziell. Das betrifft vor allem Ihre Arbeit. Sie haben sich in diesen 3 Jahren ein hochspezialisiertes Wissen und Können erarbeitet: Sie installieren Energieleitungen, Leitungsführungssysteme – sie können Antriebssysteme einrichten, Schaltsysteme montieren, SmartHome-Systeme installieren und noch vieles mehr. Sie programmieren, konfigurieren und prüfen komplizierte Geräte und Systeme. Ich habe größten Respekt vor Ihrem Spezialwissen! Und wenn man das alles in der Haustechnik oder in Unternehmen praktisch anwenden kann, dann ist das sicher höchst erfüllend, befriedigend und sinnstiftend.

Ich bin überzeugt: Neben dem privaten, persönlichen Glück ist diese Arbeit vielleicht das Wichtigste im Leben.

Und was ich besonders anerkenne, ist, dass Sie sich auf dem Gebiet des Handwerks entfalten möchten. Denn mag es auch wie von Ur-Opa oder etwas altklug klingen, ist es aber immer noch wahr: Handwerk hat goldenen Boden! Sie können sich sicher sein, dass Sie gebraucht werden. Fachkräfte sind begehrt wie nie. Sie fehlen an allen Ecken und Enden, haben hervorragende Berufsaussichten und eine Vielzahl an Aufstiegs- und Entfaltungsmöglichkeiten warten auf sie. Sie sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, der Grund warum wir heute in solch großem Wohlstand leben – auch wenn gerade, weiß Gott, härtere Zeiten angebrochen sind. Mit unserem immer noch hervorragenden System der dualen Berufsausbildung samt praktischer Arbeit im Betrieb und dem eher theoretischen Teil in den Berufsschulen und natürlich Ihrem Fleiß und Einsatzwillen, haben Sie Ihr Handwerkszeug erworben, um ihre Zukunft, um Ihr Leben zu meistern. Das schätze ich mindestens ebenso hoch, ja oft als viel wertvoller ein, als das Besuchen von Universitäten, um irgendwelche Studiengänge anzufangen, die vielleicht Spaß machen, sich später aber als brotlose Kunst erweisen.

In Hamburg haben wir mittlerweile 60 Prozent Abiturienten und der Wunsch zum Studieren wächst stetig. Im Verhältnis zu einer Lehrausbildung meine ich aber, dass da eine Unwucht herrscht. Aktuell sind 256 Ausbildungsplätze im Kreis Pinneberg unbesetzt! Natürlich braucht eine Gesellschaft auch Akademiker.

 – nun gut, manche Studiengänge sind vielleicht wirklich überflüssig, welche genau, da mag jeder seine eigene Wahl treffen –

und wir brauchen unbedingt mehr Ingenieure und Lehrkräfte. Doch gerade in so herausfordernden Zeiten wie jetzt, braucht die Gesellschaft erst einmal Menschen, die ganz praktisch etwas schaffen, die Technik bauen und reparieren. Benötigt werden Leute, die Infrastruktur wieder auf Vordermann bringen und damit das ganze Land voranbringen. Und genau deshalb muss das Handwerk und alle, die da arbeiten, eine ebenso hohe Wertschätzung erhalten wie ein Universitätsbildung. Und ein Gesellenbrief muss ebenso gewürdigt werden wie eine Bachelor-Arbeit. Es gibt da kein Besser und Schlechter, kein Wichtig und Unwichtig.

Doch zur maroden Infrastruktur. Mit Gutachten und Gegen-Gutachten, mit Petitionen und Pressemitteilungen, kurz mit der Einstellung „Man müsste mal…“ oder bloßen Forderungen bekommt man die Sache nicht in den Griff. Gefragt sind mutige politische Entscheidungen, der Willen zum Handeln und natürlich Sie als Handwerkerinnen und Handwerker und deren Betriebe, wenn es um die konkrete Umsetzung geht. Ihre Betriebe oder Unternehmen gehören zum Mittelstand, der es leider so schwer hat wie kaum jemals zuvor. Wichtig sind für ihn nicht nur auskömmliche Preise, damit gutes Geld für gute Arbeit bezahlt werden kann. Wichtig ist nicht nur die Anerkennung seiner Fähigkeiten. Wichtiger denn je ist, den Mittelstand von dem Mehltau zu befreien, den Theoretiker in Behörden und Politik ihm auferlegen. Vielleicht haben sie es schon geahnt: Es geht um den Abbau von Vorschriften und Bürokratie. Denn nicht allein die jetzt protestierenden Landwirte sind zu Recht sauer, weil immer mehr Zeit für Papierkram verschwendet werden muss, den sich Aufsichtsbehörden oft nicht einmal anschauen. Sondern auch unsere Handwerksbetriebe leiden unter dem Büro-Wahnsinn mit Dokumentationen und Auflagen, unter Abgaben und teurem Unfug. Deshalb haben auch so viele Handwerkerinnen und Handwerker Sympathie für die Demonstrationen der Landwirte. Und ich übrigens auch, jedenfalls so lange sie friedlich verlaufen. Aus diesem Grund war ich auch letzten Montag bei der Groß-Demo in Berlin dabei. Und dort habe ich nicht nur Trecker, sondern auch viele Kastenwagen gesehen und schon den Eindruck gehabt, dass hier große Teile des Mittelstandes dabei sind und ihren Unmut zum Ausdruck bringen.Stichwort Bürokratie: Der Zentralverband des Deutschen Handwerks führte gemeinsam mit den 53 Handwerkskammern im vorigen Jahr eine Umfrage zur „Bürokratiebelastung im Handwerk“ durch.

Das Ergebnis:

  • für 74 Prozent der teilnehmenden Handwerksbetriebe ist der Bürokratieaufwand in den letzten fünf Jahren gestiegen. Für knapp 60 % wird die Selbstständigkeit infolge der Bürokratiebelastung zunehmend unattraktiv.

Ich sage hier klipp und klar: Das kann so nicht weitergehen. Denn wie kann man dem Handwerks-Nachwuchs wie Ihnen Appetit darauf machen, eine Meisterschule zu besuchen und vielleicht danach einen eigenen Betrieb zu gründen oder einen zu übernehmen, wenn Sie durch Papierkram davon abgehalten werden, auf den Baustellen zu arbeiten und Umsätze zu machen? Viele Unternehmerinnen und Unternehmer, viele Betriebe – gerade im Handwerk suchen händeringend eine Nachfolge für ihre Firmen. Der Dschungel an Vorschriften bremst den Elan von allen Handwerkern, die eigentlich Lust darauf haben, eine Firma fortzuführen.

Die Tüchtigen werden hier bestraft.

Sie, liebe Elektronikerinnen und Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik, wollen nicht Listen ausfüllen, sondern mit Ihren Fähigkeiten intelligente, energiesparende Bauten und Maschinen realisieren, die zwar kleinteilig, aber dafür ganz handfest einen Fortschritt bedeuten und ganz nebenbei das Klima retten. Sie sind die Macher und nicht die Schnacker! Und das sehe ich als äußerst wichtig an. Denn wir haben in unserer Gesellschaft viel zu viele Bedenkenträger*innen, Nörgler*innen, Pessimist*innen, die zwar ganz hervorragend darin sein mögen, Gendersternchen zu tippen, die aber kaum mehr von Elektrotechnik wissen, als dass der Strom aus der Steckdose kommt.

 

Liebe Gesellinnen und Gesellen,

Sie stehen heute Abend im Mittelpunkt. Sie können zu Recht stolz auf sich, Ihren Beruf und Ihre Leistung sein. Ich bin überzeugt, wenn Sie in Ihrem Leben so weitermachen wie bisher, dann liegt eine vielversprechende Zukunft vor Ihnen.

Die Zukunft wird manchmal auch als das „unentdeckte Land“ bezeichnet. Ich möchte Ihnen also zurufen:

Entdecken Sie das unentdeckte Land, seien Sie Ihres Glückes Schmied. Gestalten Sie Ihr Leben, bringen Sie sich selbst, bringen sie unsere Gesellschaft voran – machen Sie weiter so! Sie auf dem goldrichtigen Weg.

„Wähle einen Beruf, den Du liebst und Du brauchst keinen Tag im Leben mehr zu arbeiten.“ Das sagte Konfuzius und das ist auch schon echt lange her.

Ich persönlich habe das gleich 2 Mal getan – als Lehrer und als Politiker. Ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit, schätze die Vielseitigkeit und die besonderen Highlights meiner Tätigkeit, wie heute Abend hier vor Ihnen, der Zukunft unseres Landes sprechen zu dürfen.

Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie ebenso Erfüllung in Ihrem Tun finden, dass Sie genauso viel Freunde an Ihrem Beruf haben.

Abschließend möchte ich noch einen Dank und einen Appell loswerden: Einen Dank an ihre Ausbilderinnen und Ausbilder, die sich durch diese prägende Zeit begleitet haben, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben. Und natürlich auch an die beteiligten Betriebe, dass sie für Nachwuchs sorgen und ausbilden.

Und nun der Appell, den ich als Berufspolitiker, aber auch als Bürger an Sie alle richten möchte – wir leben in unruhigen Zeiten: Krieg mitten in Europa, Migrationskrise, Energiekrise, Corona-Pandemie, Inflation, Einbruch der Baubranche, eine strauchelnde Wirtschaft, eine Bundesregierung im Dauerstreit usw.

Es scheint, dass die Zeit der Leichtigkeit, des ewig wachsenden Wohlstandes, des Bergaufs zu Ende ist.

Und ja, wir leben in Zeiten multipler Krisen und großer Herausforderungen. Und auch die Demokratie, unsere größte Errungenschaft seit Ende des 2. Weltkrieges und der Garant des Friedens wird zunehmend in Frage gestellt – von Deligitimieren, von Verfassungsfeinden, von Links- und Rechtsextrem – von immer mehr Menschen.

Ich möchte an Sie appellieren, gehen Sie keinen Menschenfängern auf den Leim. Seien Sie hellwach, seien Sie kritisch und konstruktiv, tragen Sie Ihren Teil zur Lösung der vielen Herausforderungen bei.

Und behalten Sie Zuversicht, seien sie positiv und hoffnungsvoll – „wo die Not wächst, da wächst auch das Rettende“ (Hölderlin).

Lassen Sie uns 2024 zu einem Jahr des Zusammenhalts, der Solidarität und des Fortschritts machen.

Lassen Sie uns Brücken bauen, statt Mauern in den Köpfen zu errichten.

Lassen Sie uns aufeinander zugehen, statt uns voneinander abzuwenden.

Wir haben die Gelegenheit, die Welt, in der wir leben, aktiv zu gestalten und zu einem besseren Ort für uns alle zu machen.

Menschen in den autoritären und totalitären Staaten dieser Welt beneiden uns darum. Denn: Wir können nur in dieser einen Welt alle gemeinsam leben, lassen Sie uns genau dieses Motto leben und unsere Demokratie!

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und wünsche uns allen noch einen schönen Abend!

Vielen Dank und nochmals Glückwunsch und alles Gute für Ihre Zukunft!

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