Landtagsrede: Wir machen den „Schleswig-Holstein-Way“ – gemeinsam und mit Expertise.

Published21. Juni 2024

AuthorMartin Balasus

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Der Fachkräftemangel hält ganz Deutschland in Atem – leider macht er auch vor unseren Schulen nicht halt. Die Folge: Vielerorts fehlt zunehmend pädagogisches Personal. Das Thema Lehrkräftegewinnung ist ein Dauerbrenner hier im Landtag. Wir alle wissen, dass es nicht die eine Idee gibt, die alles heilt. Nein, wir setzen auf ein komplexes Maßnahmenbündel, das kontinuierlich weiterentwickelt wird. Erst vor kurzem hat Ministerin Prien das dritte Paket zur Lehrkräftegewinnung vorgestellt, das zukunftsweisende Initiativen enthält. Hier sei exemplarisch der Studiengang Mathematik an Grundschulen an der Europa-Universität Flensburg genannt, welcher der Studienabbrecherquote entgegenwirkt.

Wir setzen bei der Lehrkräftegewinnung auf den „Schleswig-Holstein-Way“ – also nicht par ordre du mufti, sondern auf die gemeinsame Suche nach kreativen Lösungen – durch die Allianz für Lehrkräftebildung aus Bildungsexperten, Wissenschaftlern, Schulleitungen und Vertretern der Schüler-, Eltern- und Lehrerschaft.

Und das läuft bei uns ziemlich gut. Entscheidend ist, offen und mutig zu sein, Scheuklappen abzulegen und auch über ungewöhnliche Maßnahmen nachzudenken. Ein Vorschlag der FDP liegt uns vor, das duale Lehramtsstudium zu ermöglichen, mit Schwerpunkt auf Mangelfächer und -kreise. Manche Länder planen auch bereits Modellstudiengänge für das Lehramt an allgemeinbildenden Schulen, so z.B. Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt.

Warum gerade diese? Weil der Lehrkräftemangel in den Ost-Ländern wesentlich stärker ausgeprägt ist. Nach der Wende wurden unzählige Stellen abgebaut – in Sachsen-Anhalt müsste heute nahezu jede Abiturientin und jeder Abiturient Lehramt studieren, um den Lehrkräftebedarf zu decken!

In Erfurt kann man ab dem kommenden Wintersemester Lehramt im MINT-Bereich dual studieren. Natürlich, auf den ersten Blick attraktiv, schließlich gibt es monatlich 1.400 Euro für Bachelor-Studenten. Bei zwei Tagen in der Schule und drei Tagen an der Universität läuft man aber schnell Gefahr, überfordert zu sein. Mancher wird als Folge sicher länger studieren.

Viele Fragen sind noch offen: Wer begleitet und betreut die Studentinnen und Studenten an den Schulen? Wie werden sie auf das Land verteilt? Stehen sie nicht viel zu früh vor einer Klasse?

Und am wichtigsten: Wie soll das Ganze bezahlt werden? Für Schleswig-Holstein wäre das duale Lehramtsstudium eine gewaltige finanzielle Herausforderung – und das in Zeiten unsicherer Kassen. Dennoch ein Weg, der gegangen werden muss – könnte man meinen.

Die Expertinnen und Experten haben aber erhebliche Zweifel, ob das Problem so gelöst werden kann. Im Gegenteil: Sie sagen, dass es ein Irrglaube ist, dass das duale Studium den Lehrkräftemangel mal eben beseitigen würde. Dazu kommt, dass auch die Gewerkschaften kritisch auf diesen Vorschlag blicken! Höchstens in Nischen- oder Teilbereichen kann es sinnvoll sein, was bei uns die erfolgreiche Einführung des dualen Studiengangs Sonderpädagogik veranschaulicht.

Das breite Ausrollen des dualen Studiums auf alle Mangelfächer ist aber nicht zielführend. Stattdessen sollten wir lieber unsere Ideen weiterverfolgen, indem beispielsweise Maßnahmen zur Absenkung der Studienabbrecherquote fokussiert werden, an der Studienberatung und der Verzahnung von Studium und Vorbereitungsdienst gearbeitet wird, oder weitere Ein-Fach-Studiengänge geschaffen werden.

Als Fraktionen haben wir unlängst den Ein-Fach-Studiengang Musik in Lübeck angestoßen. Warum nicht weitere Ein-Fach-Lehrer ausbilden in Informatik und Mathematik?

Im FDP-Antrag klingt es ja nun so, als ob der duale Lehramtsstudiengang expliziter Wille der Kultusministerkonferenz sei. Hierzu muss man aber wissen, dass die KMK lediglich mögliche Wege aufzeigt – und hier hat sie das duale Studium als einen anerkannt. Die SWK –die Ständige Wissenschaftliche Kommission, also die Bildungs- Experten, stehen dem sehr kritisch gegenüber und stuft sie als nicht sinnvoll ein. Der Hauptkritikpunkt lautet:

„Dual Studierende würden hinsichtlich ihrer Kompetenzentwicklung nicht in gleicher Weise von den Lerngelegenheiten im Studium profitieren wie Vollzeitstudierende.“

Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, die Ausweitung dualer Studienangeboten im Bereich Lehramt ist nicht nur umstritten, sondern wird auch von unseren Bildungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern abgelehnt. Daher lautet unser Appell: Hören wir auf die Experten! Und das bedeutet, dass wir unseren „Schleswig- Holstein-Way“ weitergehen.

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