Landtagsrede: Gewalt an Schulen verpflichtet uns alle

Published28. Januar 2026

AuthorMartin Balasus

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Sehr geehrte Frau Präsidentin,

wenn wir heute über Gewalt an Schulen sprechen, dann sprechen wir nicht über abstrakte Zahlen. Wir sprechen über Kinder und Jugendliche. Über Lehrkräfte. Über Eltern. Über den Zustand unserer Gesellschaft – und über unsere gemeinsame Verantwortung.

Der aktuelle Bericht zum schulischen Gewaltmonitoring zeigt: Nach deutlichen Anstiegen in den vergangenen Jahren ist die Zahl schwerer Gewaltvorfälle an unseren Schulen zusetzt gesunken. Das ist eine gute Nachricht.

Aber sie darf uns nicht beruhigen. Denn mit 780 gemeldeten Gewaltvorfällen an 155 Schulen bleibt das Ausmaß zu hoch. Gewalterfahrungen dürfen niemals normal werden!

Besonders aufmerksam machen uns drei Befunde.

Erstens: Gewalt findet in sehr jungen Jahren statt. Fast die Hälfte aller gemeldeten Fälle entfällt auf die Klassenstufen 1 bis 4. Das heißt: Kinder, die gerade erst in der Schule Fuß fassen, erleben bereits massive Konflikte, die pädagogische und ordnungsrechtliche Eingriffe nötig machen.

Zweitens: Gewalt ist häufig körperlich. Über 70 Prozent der Fälle betreffen Körperverletzungen. Hinzu kommt psychische Gewalt – Drohungen, Demütigungen, Ausgrenzung. Gewalt wirkt dabei langfristig: auf Selbstwert, Lernfähigkeit und Zukunftschancen.

Und drittens: Die zentralen Ursachen liegen oft in Überforderung. Fast die Hälfte der Täter hat einen sonderpädagogischem Förderbedarf, über 40 Prozent der Vorfälle geschehen vor dem Hintergrund einer psychischen Belastung. Das muss uns zu denken geben!

Diese Zahlen erzählen uns etwas Entscheidendes: Viele junge Menschen sind nicht „gewalttätig“, weil sie grundsätzlich kriminell sind. Sie sind es oft, weil sie überfordert sind. Weil sie keine Sprache für ihre Gefühle haben. Weil sie zu wenig Halt und zu wenig verlässliche Beziehungen erleben.

Und ja – auch weil unsere Gesellschaft insgesamt rauer geworden ist.

Wir erleben eine Verrohung des öffentlichen Umgangs: in sozialen Medien, in manchen politischen Debatten, im Alltag. Respektlosigkeit, Beschimpfung und Eskalation werden schneller akzeptiert. Kinder und Jugendliche wachsen in dieser Atmosphäre auf. Sie lernen nicht nur aus dem, was wir ihnen sagen – sondern vor allem aus dem, was wir vorleben.

Das entlässt niemanden aus der Verantwortung. Aber es verpflichtet uns alle.

Es verpflichtet uns, Schulen nicht allein zu lassen. Lehrkräfte, Schulleitungen und Schulsozialarbeit stehen täglich vor Herausforderungen. Sie sind gleichzeitig Pädagogen, Sozialarbeiter, Konfliktmanager.

Es verpflichtet uns, Prävention ernst zu nehmen. Früh, kontinuierlich und verbindlich. Gewaltprävention ist keine Zusatzaufgabe, sondern Teil von Bildung. Sie beginnt bei der Sprachfähigkeit, bei Beziehungsarbeit, bei der Stärkung sozialer Kompetenzen – und sie braucht Zeit und Raum im Schulalltag.

Und es verpflichtet uns, mit Empathie zu handeln. Empathie heißt nicht, Gewalt zu entschuldigen. Aber sie heißt, Ursachen zu verstehen. Sie heißt, Kinder nicht ausschließlich auf ihre schlimmste Tat zu reduzieren. Und sie heißt auch, die Opfer konsequent zu schützen und zu stärken.

Der Bericht zeigt ebenfalls: Polizei und Justiz werden seltener eingeschaltet als noch im Vorjahr. Das kann ein Zeichen für bessere Prävention sein. Es kann aber auch heißen, dass Schulen versuchen, Konflikte selbst aufzufangen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Jugendgewalt ist kein Randthema. Sie ist ein Spiegel unserer sozialen Konflikte, unserer psychischen Belastungen, unserer gesellschaftlichen Umgangsformen. Wer diesen Spiegel zerbricht oder beschönigt, löst kein Problem.

Unsere Aufgabe ist es, Verantwortung zu übernehmen – politisch, gesellschaftlich und menschlich. Für sichere Schulen. Für Kinder, die gesehen werden. Für Lehrkräfte, die Unterstützung erfahren. Und für eine Gesellschaft, die sich wieder darauf besinnt, Konflikte ohne Gewalt auszutragen.

Aus Respekt vor den jungen Menschen, die unsere Zukunft sind. Vielen Dank.

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